Die UNESCO erinnert jedes Jahr am 8. September an die hilfebedürftigen Menschen, die nicht lesen und schreiben können. Für die Erwachsenen gibt es wohl Hilfe, die aber immer noch nicht einheitlich geregelt worden ist. Und der Kern keimt immer noch.
Das Buch „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink schildert ganz klar das Leben einer Analphabetin. Hanna. Eigentlich nur eine Nebenfigur. Doch sie ist dem ICH-Erzähler niemals aus dem Kopf gegangen. Irgendwann fand er heraus, dass sie sich hinter einem großen Geheimnis versteckt und dafür sogar eine längere Haftzeit als Hauptschuldige Kriegsverbrecherin in Kauf nimmt. Und nur, weil sie ihren Analphabetismus nicht zugeben möchte. Angst vor der Reaktion hindert sie daran. Sie lässt sich lieber vorlesen.
Experten unterteilen den Analphabetismus
So geht es allen. Sie versinken in ihrer Scham. Trotz ihrer Schulzeit, wo immerhin Lesen und Schreiben gelehrt wird, beherrschen sie die Grundlagen nur teilweise oder gar nicht. In Deutschland existieren keine primären Fälle. Das sind Menschen, die gar keine Buchstaben kennen, weil sie nie die Schule besuchten. Hier sind vielmehr die sekundären sowie funktionalen Analphabeten vertreten. Die sekundären haben zwar das Lesen und Schreiben erlernt, jedoch alles wieder vergessen. Die funktionalen hingegen entstanden in ihrer Betitelung erst durch die Digitalisierung in der Wirtschaft und im täglichen Leben eines Jeden, die sich in den letzten hundert Jahren rasant entwickelt hat. Die Experten finden in dieser gesonderten Gruppe unzureichende beziehungsweise unsichere Kenntnisse in der immer wieder wandelnden Schriftsprache. Die einen können vielleicht lesen, aber nicht schreiben und umgekehrt. Oder sie beherrschen beides nur im begrenzten Maße.
UNESCO reduziert Analphabetenrate
Seit dem 8. September 1965 existiert der Welttag der Alphabetisierung. Erst 2003 wurde beschlossen, innerhalb von zehn Jahren die Summe der Analphabeten zu halbieren. In Deutschland sind zirka vier Millionen Menschen davon betroffen. Neuere Tendenzen sollen im Februar 2011 bekanntgegeben werden. Weltweit betrachtet sind es 759 Millionen Personen, die nicht lesen und schreiben können. Etwa zwei Drittel davon sind nur Frauen. Deswegen widmet sich die UNESCO in diesem Jahr verstärkt den weiblichen Leidtragenden unter dem Motto „Alphabetisierung und Stärkung der Frauen“.
Multiplikatoren benötigen Aufklärung
Eigentlich kann es in Deutschland keine Analphabeten geben. Beinahe jede Firma arbeitet mit dem Computer. Sei es die Fischerei am Hafen oder der Lagerarbeiter. Vor hundert Jahren schlitterten sie noch bequem als Hilfsarbeiter durch, doch heute landen sie zumeist beim Arbeitsamt, es sei denn der Arbeitgeber finanziert den Kurs für Alphabetisierung, was selten vorkommt.
Der Großteil sinkt ab. Bei den Multiplikatoren, wie eben die entsprechenden Ämter, sind sie heutzutage immer noch hilflos ausgeliefert. Dort erkennt kaum einer einen deutschen Analphabeten. Für sie zählen dazu bloß die Migranten. Nur in den seltensten Fällen wird heute jemand entlarvt und entsprechend gefördert. Doch leisten können sich dies nur wenige. Einige Bundesländer bieten es kostenlos an, bei Verlängerung könnte ein kleiner Beitrag von zehn Euro verlangt werden.
Initiativen für Analphabeten
Trotzdem kann es eine Einheit flächendeckend nicht geben, da in unserem Grundgesetzbuch ein Kooperationsverbot verankert worden ist. Dieser besagt, dass alles Ländersache ist und jeder individuell entscheiden kann. Auf diese Weise kann die Anzahl der Analphabeten nicht halbiert werden. Die Betroffenen befinden sich in einem Teufelskreis. Sie bekommen keine Arbeit, wenn sie nicht lesen und schreiben können. Im Gegenzug fehlt ihnen die finanzielle Unterstützung.
Die Initiativen, die es heute zahlreich gibt, können den Einzelnen nur durch Mund zu Mund Propaganda erreichen, denn Plakate, Bücher, Flyer und anderes können die Analphabeten nun mal nicht entziffern, es sei denn ein Angehöriger übernimmt diesen Part. Dafür gibt es wenigstens einen Werbespot, der aber leider nur selten im Fernsehen oder im Radio zu hören ist. Eben ein Teufelskreis.
Der Keim steckt im Schulsystem
Als Außenstehender kann sich niemand vorstellen, dass es Schüler gibt, die den Grundstein des Lebens nicht beherrschen. Wie kann es also dazu kommen?
Schon früher waren große Klassen ein geeigneter Ort für diesen Keim. Schüchterne, die wegen des stockenden Lesens gehänselt und ausgelacht werden, verkriechen sich noch heute. Zu Hause finden sie auch kein wachsames Ohr. Also finden sie sich mit der Situation ab, ziehen das Spielen mit den Kumpels vor. Sie sitzen lediglich ihre Zeit ab. An dieser Stelle müssten die Pädagogen ein Gespür für diese Kinder entwickeln. Geht aber nicht. Die Klasse ist zu groß. Und wieder reden wir vom Teufelskreis.
Dreigliedriges Schulsystem abschaffen – Finnland lebt es vor
In den skandinavischen Ländern klappt es längst. Das finnische Geheimrezept lautet: „Eine Schule für alle.“ Warum nicht in Deutschland? Warum ist alles Ländersache? Wieso kann das Schulsystem nicht einheitlich lehren?
Ist die deutsche Schule eine ewige Baustelle? Das jetzige System ist jedenfalls nicht ausgereift. Und so gehen Jahr für Jahr weitere Analphabeten von der Schule.
Sandra Gau
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